Eine Pionierin blickt zurück
Als Verena Baechler 1962 nach Basel kam, verpflichtete sie sich für zwei Jahre, um für den damaligen "Hilfsverein für Geistesschwache" eine Werkstube zu eröffnen. Aus den zwei Jahren wurden 34, der "Hilfsverein für Geistesschwache" heisst heute abilia.
Verena Baechler, ehem. Leiterin der Hardstrasse
abilia-Präsidentin Margreth Spöndlin trifft Verena Baechler in der abilia-Förderstätte & Kulturzentrum an der Vogesenstrasse. Die Räume sind hell und grosszügig, das Angebot an kreativen Tätigkeiten ist riesig, ebenso die Auswahl an Produkten, die in den Kursen und Workshops hier entstanden sind. 78 abilia-KlientInnen haben vom Angebot der Förderstätte im letzten Jahr profitiert. Neben Leiter Pedro Soares arbeiten hier fünf BetreuerInnen.
Als Verena Baechler 1962 vom damaligen "Hilfsverein für Geistesschwache" für den Betrieb der ersten Werkstube in Basel angefragt wurde, gab es noch keine Freizeitprogramme für geistig Behinderte, von Wohnheimen ganz zu schweigen. Nach Beendigung der Sonderschule sassen die Behinderten meistens beschäftigungslos zu Hause. Wenn die Eltern starben oder die Betreuung nicht mehr gewährleisten konnten, landeten sie nicht selten in psychiatrischen Kliniken.
"Unsere erste Werkstube befand sich in einem Keller im Kannenfeldquartier. Wir starteten mit drei Leuten. Im Sous-sol gab es eine einfache Küche. Für Anschaffungen standen uns 200 Franken zur Verfügung. Wir boten vormittags und nachmittags je drei Stunden an. Das sprach sich schnell herum. Am Ende hatten wir zehn KlientInnen."
Im Sommer 1966 erkrankt die Mutter einer Klientin an Krebs. Sie will nicht, dass ihre Tochter in der Psychiatrie untergebracht wird. Noch im gleichen Jahr erwirbt der Hilfsverein sein erstes Wohnhaus. Der Staat beteiligt sich mit 30 Prozent am Erwerb der Liegenschaft, Verena Baechler wird Heimleiterin.
"Am Anfang machten wir den Abwasch in der Badewanne. Nach und nach haben wir in Eigenregie das ganze Haus umgebaut."
Das als "Wohnheim und Werkstube" betriebene Haus an der Hardstrasse hat Pioniercharakter. Jetzt werden die BewohnerInnen nicht "nur" betreut und begleitet, sondern auch in einer integrierten Werkstätte in kleinen Gruppen gefördert. Fachleute besuchen die Hardstrasse und lassen sich das neue Konzept erklären.
"Am Anfang machten wir den Abwasch in der Badewanne. Nach und nach haben wir in Eigenregie das ganze Haus umgebaut. Die BewohnerInnen waren an dem ganzen Prozess beteiligt und haben alle Ausbauschritte aktiv miterlebt. Die Betreuungsarbeit konzentrierte sich auf das Zurechtfinden im Alltag und das Schaffen und Leben von Beziehungen. Am Morgen verrichteten wir Haushaltsarbeiten und bereiteten ein abwechslungsreiches Essen zu. Am Nachmittag gab es Turnen, Schwimmen, Werken. Viele Aktivitäten fanden im Wohnhaus statt. Dann legten wir einen Garten an."
Ein naheliegendes und heute in jedem Wohnheim anzutreffendes Konzept. Damals war das aber alles andere als normal. Beschäftigung für Behinderte bestand üblicherweise aus stereotypen Industriearbeiten. Diese Art der Beschäftigung lehnte Verena Baechler allerdings ab.
"Wir wurden für unser Konzept offen angefeindet. Zum Beispiel hiess es 'Ihr seid doch die, die mit den Schwachen kochen …' Aber unsere BewohnerInnen entwickelten sich schnell. Das Mädchen, dessen Mutter gesagt hatte, 'es kann nichts', konnte mit der Zeit sehr viel. Die Leute lernten sprechen. Und sie lernten auch 'Nein' sagen."
"Wir wurden für unser Konzept offen angefeindet. Zum Beispiel hiess es 'Ihr seid doch die, die mit den Schwachen kochen …"
Bald kam das zweite Wohnhaus an der Birmannsgasse dazu. Es war auf jüngere BewohnerInnen ausgerichtet, die auswärts arbeiteten. Die räumliche Trennung von Wohnen und Arbeiten ist heute ein wichtiger Bestandteil des Betreuungskonzepts von abilia. Auf das Wohnhaus Birmannsgasse folgte das Wohnhaus Angensteinerstrasse. Die neuen Häuser funktionierten mehr oder weniger für sich und relativ unabhängig voneinander. 1973 gab sich der "Hilfsverein für Geistesschwache" einen neuen Namen: "Gesellschaft zur Förderung geistig Behinderter (GFG)".
"Die Wohngemeinschaft funktionierte ähnlich wie eine Familie. Dieser familiäre Gedanke entsprach mir sehr. Das schlug sich auch in der Sprache nieder: Wohnheim, Werkstube – diese Begriffe drücken die Geborgenheit aus, die wir den BewohnerInnen vermitteln wollten. Die neu gewonnene und sich rasch entwickelnde Autonomie war ein grosses Glück für die BewohnerInnen. Wir gingen im Quartier einkaufen, nutzten die öffentliche Infrastruktur. Das brachte die Leute im Quartier dazu, sich mit uns und dem Thema Behinderung auseinanderzusetzen."
Heute steht den abilia-KlientInnen ein vielfältiges Angebot an Freizeitaktivitäten zur Verfügung. In den Anfangszeiten der GFG-Wohnhäuser war das ganz anders. Ein Grossteil der Arbeiten fand im Haus statt. Man arbeitete hautpsächlich mit Stoffen und Farben, bedruckte Weihnachtspapier und verkaufte es. Mit dem Erlös aus dem Verkauf ihrer Sachen führten die Wohnhäuser Ferienlager durch, zunächst jedes Wohnhaus für sich.
"Irgendwann hatten wir die Idee, ein Skilager im Jura durchzuführen. Was wurden wir schräg angeschaut, als wir unsere Trockenübungen machten! Als aber die BewohnerInnen am flachen Hang ihre ersten Schwünge zogen, kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr."
Als wichtigen Meilenstein bezeichnet Verena Baechler auch den ersten Todesfall unter den BewohnerInnen.
"Die Person starb im Haus. Der Leichnam wurde aufgebahrt, damit sich alle von ihr verabschieden konnten."
"Unsere BewohnerInnen entwickelten sich schnell. Das Mädchen, dessen Mutter gesagt hatte, 'es kann nichts', konnte mit der Zeit sehr viel."
Mittlerweile sind einige der ersten BewohnerInnen gestorben. Dies obwohl die Lebenserwartung der KlientInnen deutlich gestiegen ist. Die Ernährung ist ausgewogen, die medizinische Betreuung besser, die Bewegung spielt eine grosse Rolle im Alltag. Vieles hat sich verändert, seit Verena Baechler das erste Wohnhaus an der Hardstrasse eröffnete. Anderes ist bis heute geblieben. Verena Baechler war es, die – damals noch gegen den Widerstand des Vereinsvorstands – die erste Supervisorin engagierte. Heute ist diese Institution in jedem Wohnhaus selbstverständlich.
Verena Baechler arbeitete auch am Basler Psychiatriekonzept mit und gab wichtige Impulse für die Behindertenintegration. Heute ist sie pensioniert, nimmt als Vereinsmitglied aber immer noch aktiv am Geschehen teil. Das Haus an der Hardstrasse wird bald geschlossen. Jetzt erhält die GFG wieder einen neuen Namen: abilia. Verena Baechler findet das gut.
"Ich freue mich, dass die Entwicklung weitergeht. Das soll sich auch in der Sprache ausdrücken."






